Gegen den Takt

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Journalistisches

Mehr als ein Flohmarkt: Der „Chopo“ in Mexiko-Stadt

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12. Juni 2011  FAS_2011.pdf

Schon am Treppenaufgang lockt die Welt des mexikanischen Undergrounds. Hier, an der Haltestelle Buenavista, bieten Punks CD-große Lollis zum Verkauf an und ein Strom von Satansanbetern, Rockern und Skaterboys schiebt sich auf die Calle Aldama. Seit über 20 Jahren findet mitten in Mexiko-Stadt ein Flohmarkt der besonderen Art statt: Auf dem Tianguis del Chopo versammeln sich jeden Samstag die unterschiedlichen Stämme städtischer Subkulturen, um Schallplatten und gebrannte CDs zu kaufen, sich einzukleiden, den neusten Entdeckungen der Underground-Musikszene zu lauschen oder einfach nur, um ihre aufwändigen Garderoben zur Schau zu stellen.

„Es ist der einzige Platz, den nonkonforme Jugendliche in Mexiko haben“ sagt Javier Hernández Chelico. Bereits in den frühen 80er Jahren kam der Journalist hierher, zunächst als Käufer und Liebhaber des italienischen Progressive Rock, dann als Reporter für die Musikzeitschrift Revista Conecte. Damals machte der „Chopo“, wie der Flohmarkt von seinen Jüngern liebevoll genannt wird, vor allem Negativschlagzeilen. Was 1980 unter dem Dach des Museo Universitario del Chopo als Tauschbörse für Musik und Literatur der Gegenkultur der 60er Jahre begann, wurde bald zum Skandal. Die Veranstalter hatten den Flohmarkt als kurzzeitiges Projekt geplant und unterschätzt, wie sehr Mexikos rebellierende Jugend auf eine Plattform wie diese gewartet hatte. Als die Besucherzahlen stiegen, setzte man den Flohmarkt vor die Tür. Drogenkonsum, regelmäßige Polizeibesuche, Räumungen, interne Streitereien – nicht nur die Stadt­verwaltung hätte die Bewegung gerne im Keim erstickt. Aber der Chopo erwies sich als hartnäckig.

Mehr als 5000 Besucher zwängen sich heute durch die engen Gassen zwischen den rund 200 Verkaufsständen. Ein Altrocker durchwühlt raubkopierte DVDs, auf der Suche nach als verschollen geltenden Led Zeppelin-Konzerten. Zwischen Teenagern, die ihre Lederjacken mit neuen The Doors- und Anti-Atomkraft-Buttons schmücken, spielt ein Tätowierer ungeduldig mit seinen Nadeln. Musik ist allgegenwärtig. Eifrig versucht jeder Verkäufer lauter als der Nachbar den Besuchern seine musikalischen Helden näher zu bringen und wird doch übertrumpft von den Boxen der Bühne, auf der die Frontfrau der Heavy Metal-Band Deborah einer wallenden Menschenmasse den Takt vorgibt.

Obwohl der Chopo in den 80er Jahren öfter seinen Austragungsort wechselte, als Black Sabbath die Bandbesetzung, fanden immer mehr junge Mexikaner Gefallen an der neuen Pilgerstätte der Gegenkultur. Bald schon gesellten sich andere Musikstile und die dazugehörigen Lebensweisen zum Progressive Rock und den nostalgischen Hippies: Punk, Grunge, Heavy Metal, Gothic und Ska. Chelico schreibt heute eine Kolumne für die Tageszeitung La Jornada, in der er den Tianguis del Chopo und seine Besucher charakterisiert. „Alle Ausdrucksformen der Jugendkultur treffen hier zusammen“ sagt er. Was all diese Jugendlichen und Junggebliebenen verbindet, ist der Hang zur Farbe Schwarz und eine gewisse Außenseiter-Attitüde.

Anders zu sein als der Normalbürger erfordert Mut in einer Gesellschaft wie der mexikanischen, in der Traditionen eine große Rolle spielen. Wer bleiche Gesichter und knöchellange Ledermäntel oder Nietenjacken und Irokesenschnitt trägt, muss mit Anfeindungen rechnen – von missbilligenden Blicken bis zu üblen Beschimpfungen. „Viele Leute sehen dich als hässlich oder als schlecht an, nur weil du anders aussiehst“ sagt Oscar Emiliano Ornelas Ayala, die Hände in den Taschen der schwarzen Röhrenjeans, und spielt nervös an einem der vielen Piercings, die seine Lippen, Nase und Augenbrauen zieren. Jeden Samstag kommt der 15jährige zum Chopo, um sich mit Freunden zu treffen, Musik zu hören und „einfach nur in Ruhe abzuhängen“.

Seit den wilden Anfängen hat sich vieles verändert. Heute ist der Tianguis del Chopo eine offiziell eingetragene Non-Profit-Organisation, seine Verkäufer sind angemeldete Mitglieder. Alle Teilnehmer werden auf unübersehbar großen Plakaten gebeten, auf den Konsum von Drogen und Alkohol innerhalb des Geländes zu verzichten. Die Gebühren für die Müllbeseitigung werden brav entrichtet und die Beziehungen zu Stadtverwaltung und Polizei sind routiniert. Die pinkfarbenen Hello Kitty-Gimmicks pubertierender Emos wurden ebenso freundlich integriert wie Springerstiefel und Sadomaso-Spielzeug und neben Burroughs, Bukowski, Chomsky und Che Guevarra liegt heute Stephenie Meyer aus.

„Der Chopo ist ein Ort des harmonischen Miteinanders“ sagt Chelico. Beide sind sie gemeinsam gealtert. Die schulterlange Mähne des einen ist ergraut und sein rotes Rocker-Shirt spannt sich über einen gemütlichen Wohlstandsbauch. Auch der andere hat nach 30 Jahren Existenz an Aggressivität verloren. Und dennoch ist der Tianguis del Chopo für Mexikos Abweichler so viel mehr als ein Flohmarkt. Er ist eine Kultstätte, ein Refugium und – mit all seinen höllisch anmutenden Gestalten – für jeden, der in Mexiko-Stadt aus der Reihe tanzt, das Paradies.

 

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