Auf der Suche nach dem Verstehen

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Journalistisches

Reise nach Auschwitz

fluter.de, 19. Juni 2010

Es war diese Begegnung, die mich auf die Idee brachte, nach Auschwitz zu fahren. Im Februar 2007 bereiste ich die australische Ostküste und lernte dort einen Israeli kennen. „Du bist Deutsche?“, sagte er, „zwei Drittel meiner Familie sind in Auschwitz ermordetet worden.“ Ich wusste nicht recht, wie ich reagieren sollte. Mir missfiel sein vorwurfsvoller Ton. Andererseits bewunderte ich die forsche Art, mit der er die Karten auf den Tisch legte.

Ich hatte mich mit dem Holocaust auseinandergesetzt, im Zuge meines Geschichtsstudiums wissenschaftlich-analytisch und im Zuge meiner Leselust hatte ich mich mitfühlend mit den Schicksalen von Anne Frank, Imre Kertész und Primo Levi beschäftigt. Trotzdem: Etwas Befriedigendes, Abschließendes konnte ich nicht darüber sagen. Vielleicht würde ein Besuch des realen Ortes hier Abhilfe schaffen? Vielleicht würde mich eine solche Pilgerfahrt für ewig von der Sünde des Augenverschließens befreien?

Die schwierige Sache mit dem Nationalstolz
Gerade erst war der deutsche Märchensommer der Fußball-WM 2006 zu Ende gegangen. In meinen Ohren hallte noch der allgemeine Lobgesang des unverkrampften Umgangs mit dem deutschen Heimatland und deutschen Nationalsymbolen wider. Junge Erwachsene können heute nicht mehr die Eltern fragen, ob und inwieweit sie sich damals schuldig gemacht haben. Selbst unsere Großeltern sind zum großen Teil zu jung, um aktiv am nationalsozialistischen Regime beteiligt gewesen zu sein.

Die jungen Deutschen haben das Gefühl, übersättigt zu sein von der dunklen deutschen Vergangenheit, die in den Klassenräumen, in den Medien, auf Auslandsreisen thematisiert wird. Sie wollen für Deutschland, für ihre Heimat Positives empfinden. Ist das eine Entscheidung für das Vergessen?

Ich jedenfalls vergaß zunächst meinen Plan. Erst als ich in diesem Frühjahr meine Abschlussprüfungen hinter mich gebracht hatte und den Blick auf das Danach richtete – auf einen neuen WM-Fußball-Sommer und dann den Weg in die weite Welt –, buchte ich meinen Flug nach Krakau. Bevor ich erneut verdrängen konnte. Von dort aus machte ich mich dann auf den Weg nach Oświęcim, wie die rund 50 Kilometer westlich von Krakau gelegene Kleinstadt auf Polnisch heißt, die Stadt, deren deutscher Name zum Symbol der nationalsozialistischen Massenmorde wurde.

In vielerlei Hinsicht ist das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau ein Geschichtsmuseum wie viele andere. Es gibt Fremdenführer und Besichtigungstouren, lärmende Schulklassen und Informationstafeln. Alles ist sauber und professionell durchorganisiert. Anders könnte die Museumsleitung die Flut der Besucher/innen wohl kaum bewältigen. Allein im Jahr 2009 waren es 1,3 Millionen.

Ein ganz normales Museum
Im Museumsshop kann man neben Büchern zu Auschwitz und zum Holocaust auch Postkarten und Poster erstehen. Über das 70 Hektar große Gelände von Auschwitz-Birkenau ist inzwischen Gras gewachsen, gesprenkelt mit gelbem Löwenzahn. Die Überreste der unterirdischen Krematorien II und III, die zum Massengrab europäischer Juden und Jüdinnen wurden, sind heute von Moos bedeckt und gleichen einer antiken Ausgrabungsstätte.
Das Grauen liegt hinter den Blocktüren des Stammlagers verborgen. Hier wird sachlich und anschaulich die Geschichte des größten nationalsozialistischen Arbeits- und Vernichtungslagers dargestellt. Eine geführte Tour durch die Gedenkstätte dauert viereinhalb Stunden. Erst geht es drei Stunden lang durch das Stammlager und dann mit dem Shuttle-Bus in das drei Kilometer entfernte Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Zahlen, Fakten, Beweisstücke
Wie schwere Regentropfen prasseln die Zahlen und Fakten auf die Besucher/innen ein. Etwa 1,3 Millionen Menschen fanden in Auschwitz in den Jahren 1940 bis 1945 den Tod. Etwa 900.000 wurden direkt nach ihrer Ankunft in die Gaskammern und Krematorien geschickt. Als diese am Ende des Krieges auf Hochtouren arbeiteten, konnten in 24 Stunden bis zu 1.500 Menschen vergast und verbrannt werden. Von nur 144 Menschen weiß man, dass sie aus Auschwitz fliehen konnten. 2.000 Menschen teilten sich in Birkenau eine Latrinen-Baracke. Morgens hatte jeder für den Toilettengang also nur wenige Sekunden Zeit.

Und noch eine Zahl: 80 Prozent der Täter/innen dieser Verbrechen wurden nie belangt. All diese Zahlen sind unvorstellbar. Meine Hoffnung, vielleicht am konkreten Ort des Verbrechens einen Zugang zu ihnen zu finden, sie zu verstehen, löste sich in Luft auf.

Immer wieder zeigt sich in Auschwitz das Groteske des industrialisierten Massenmordes, das die Verbrechen der Nationalsozialisten wohl bei allen Gemeinsamkeiten von anderen Völkermorden unterscheidet. Zum Beispiel in der teuflischen Akribie, mit der die anreisenden Juden und Jüdinnen getäuscht wurden: Man erzählte ihnen, sie würden umgesiedelt, und ließ sie ihre Zugtickets selbst bezahlen. Nach der Ankunft versprach man den als „nicht-arbeitsfähig“ Eingestuften – den Alten, den Kranken, den Kindern und schwangeren Frauen – eine Dusche. Beim Gang in die Todeskammer bekam oft jeder Dritte der zum Tode Geweihten ein Stück Seife mit auf den Weg.

Absurd war auch die Mentalität, mit der die SS-Lagerkommandanten jeden noch so kleinen Nutzen an den Leichen fanden. Bevor die Toten verbrannt wurden, entfernte man Goldzähne und Haare. Die Haare wurden unter anderem zu Decken verarbeitet. Über jeden, der im Lager als „arbeitsfähig“ galt, wurde präzise Buch geführt; wurden die Personalien, Augenfarbe, Haarfarbe und Form der Nase aufgenommen, nur um die Insassen mit einer Nummer zu tätowieren und sie von nun an auch nur als eine solche zu behandeln. Wäre es nicht die Realität, so könnte es eine grausam absurde Geschichte Franz Kafkas sein.

Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich im Umfeld von Auschwitz unwohl in meiner deutschen Haut. Statt mit einer deutschen Gruppe eine Führung zu machen, schloss ich mich lieber einer englischsprachigen Tour an und vermied es, deutsch zu sprechen. Für mich ist Deutsch die Sprache meiner Eltern, meiner Kindheit, die Sprache, in der ich mich zu Hause fühle. Aber in Auschwitz ist es die Sprache der Täter/innen.

Unwohlsein beim Public Viewing
Was nimmt man mit aus Auschwitz? Ich habe gesehen – und da können die Historiker/innen noch so lange streiten –, wie der Holocaust historisiert ist. Das heißt: Wie er als Geschichte dargestellt ist. Ich habe gesehen, dass auch die Konfrontation mit dem realen Ort, das Sein in den einstigen Gaskammern, nicht zum Verstehen, zum Verinnerlichen führt. Zu unvorstellbar ist, was Menschen Menschen in Auschwitz angetan haben. Und ich weiß jetzt, dass es einen unverkrampften Umgang mit dem Deutschsein nicht gibt – jedenfalls nicht für mich.

Nun beginnt ein neuer WM-Sommer. Auch ich werde mir wieder die Wangen schwarz-rot-gold färben und mich an der gemeinsamen Fröhlichkeit erfreuen. Aber wenn sie sich zu Hundertschaften vor den Public-Viewing-Leinwänden zusammenrotten und ein aggressives „Sieg, Sieg, Sieg!“ skandieren, dann werde ich mich unwohl fühlen. Wie eine angeborene körperliche Beeinträchtigung wird Auschwitz immer ein Teil meiner deutschen Identität sein, die nur eine ist unter vielen Identitäten in der Welt.

Ich könnte so tun, als gäbe es dieses Handicap nicht. Aber sollte ich nicht eher lernen, mit ihm zu leben und die Vorteile zu sehen, die es mir beschert? Die Sensibilität für die Ungerechtigkeit einer kollektiven Verurteilung, für die Gefahren übersteigerten und übersteigernden Nationalgefühls und für das Dunkle in der menschlichen Natur. Und wenn ich auf meinen baldigen Reisen in die Welt Menschen treffe, die mich auf Auschwitz ansprechen, dann werde ich nichts Befriedigendes oder Abschließendes darüber zu sagen haben. Aber ich werde, immerhin, vieles zu sagen haben.

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